Mittwoch, 27. Juni 2007

Dieser Blog ist tot. Ich blogge weiter auf dem «Agile Trail».

Groovy und Grails beim Java Forum Stuttgart


Am 05.07.2007, also schon nächste Woche, findet wieder das alljährliche Java Forum Stuttgart statt. Groovy und Grails sind mit Veranstaltungen fünf Mal am Start (siehe auch das Veranstaltungsprogramm):

Vielleicht sehen wir uns ja dort? Würde mich sehr drüber freuen!

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Nacht des Hungerasts in Biel 2007

Ich sitze auf der Bank einer Bierzeltgarnitur irgendwo in der Schweiz und bin am Ende. Der Ort hier heißt Kirchberg, aber das ist mir gerade herzlich egal. Mir ist schwindelig und ich fühle mich recht bescheiden. Ist dies das unrühmliche Ende meines ersten Hunderters?

Es ist 2:30 h in der Nacht von Freitag auf Samstag, 15. auf 16. Juni 2007 und ich bin in den letzten fünfeinhalb Stunden etwa die ersten 56 Kilometer des Bieler 100-km-Ultramarathons gelaufen, soviel wie ich noch nie zuvor gelaufen bin, und ich habe noch weitere 44 vor mir. Bei Kilometer 50 habe ich schon beim Pinkeln gemerkt, dass ich mich irgendwo festhalten muss, wenn ich stehenbleibe, damit ich nicht umfalle. In Kirchberg beim Checkpoint dann drehte sich auf einmal alles und irgendjemand machte mir das Licht aus. Ich mußte mich einfach hinsetzen, wenn ich nicht umkippen wollte.

Bis hierhin war aber alles super gelaufen! Ich hatte mich im Training sehr gut vorbereiten können auf diesen Lauf. Jorina und ich hatten uns am Mittwoch aufgemacht per Wohnmobil. Wir haben einen guten Parkplatz keine 500 Meter von Start und Ziel erwischen können. Die Startunterlagen konnte ich ohne Probleme abholen in der Eissporthalle, dem Zentrum des Laufes, in dem sich die Rennleitung einquartiert hat. Nach einem kleinen Lockerungslauf am Mittwoch abend hab' ich zwar einen Quaddelausschlag im Gesicht und auf Brust und Schultern bekommen (Stress?), der zwar fürchterlich gejuckt, aber relativ schnell wieder verschwunden war und auch nicht mehr wiederkommen sollte, wie ich befürchtet hatte.

Die Nacht vor dem Wettkampf haben wir gut im Alkoven des Wohnmobils geschlafen. Mein Schlafplan (jap, so einen habe ich mir zurechtgelegt) sah vor, dass ich von Mittwoch abend relativ spät ins Bett gehe und Donnerstag morgen recht früh aufstehe, so dass ich ausreichend müde sein würde, um mich am Donnerstag nachmittag nochmal für ein paar Stunden aufs Ohr packen zu können. Vorschlafen kann man nämlich nicht, und so kann man höchstens versuchen, ein wenig die innere Uhr auszutricksen. Erfahrungen aus dem Schichtdienst sind hier übrigens recht hilfreich.

Die übrige Zeit vor dem Wettkampf habe ich versucht, möglichst nicht an ihn zu denken, und so haben wir uns die Zeit mit Quatschen, Bücherlesen und Videogucken vertrieben. Nach Rausgehen war uns beiden nicht so, denn es regnete und gewitterte in einer Tour. Gegen Donnerstag Abend habe ich mir dann meine Ausrüstung zurecht- und angelegt. Zum x-ten Male habe ich alles kontrolliert, vom korrekten Sitz des Chips für die Zeitmessung, der ich mit dem Schnürsenkel an meinen Laufschuh gebunden habe, bis hin zum Funktionscheck der Stirnlampe, die ich über meiner Schirmmütze trage. Alles war okay und Jorina und ich machten uns auf zum Start.

Etwa 2800 andere Läufer sind in Biel diese Jahr am Start gewesen, davon ganze 2200 für den Hunderter, der damit weltweit zum größten 100-km-Ultramarathon wird. Ich stellte mich irgendwo in der Mitte des Startbereichs an den Rand, damit ich mich noch ausgiebig von Jorina würde verabschieden konnen. Ein Zeitziel hatte ich nicht; 10 Stunden war mein Richtwert, also 10 Kilometer pro Stunde, 6 Minuten pro Kilometer. Aber es wäre mir egal gewesen, wenn ich länger unterwegs sein würde, denn den ersten Hunderter wollte ich nur finishen. Das erzählte ich auch einem weißhaarigen Mitläufer, der davon überzeugt war, man würde mir meine erste Teilnahme ansehen, und er hätte zwar schon fünf von sechs Bieler Hundertern gefinisht, aber er wäre bislang auf dem 10 Kilometer langen Zieleinlauf immer bei Kilometer 99 auf die Knie gesunken und hätte Gott gedankt, dass es gleich vorbei sein würde - sehr motivierend!

Die Läufermeute zählte zusammen den Countdown runter und ich verabschiedete mich von Jorina. Konnte gar nicht dran denken, dass sie gleich ins Bett gehen würde, während ich in die Nacht laufe. Irgendwie wäre ich jetzt auch gerne ins Bett gegangen, denn ein wenig mulmig war mir schon. Ist doch irgendwie eine ziemlich lange Strecke, nicht wahr?!

Normalerweise stelle ich mich relativ weit vorne bei Wettkämpfen ins Starterfeld, denn unter die ersten 15 % komme ich meistens und es ist nervig, langsamere Läufer vor einem überholen zu müssen, und außerdem kostet es einfach Zeit. Aber in Biel sind die Relationen anders gestrickt, als bei einem normalen Marathon. Die meisten Marathons tracken Brutto- und Nettozeit, also die Zeit ab Startschuss (Brutto) und die Zeit, ab der der individuelle Läufer über die Startlinie läuft (Netto). Dazwischen können auf großen Marathons wie Hamburg oder Berlin schon 10 Minuten liegen, in Biel sind's vielleicht zwei bis fünf Minuten. Allerdings ist diese Zeitspanne in Biel sogar kleiner als die Fehlertoleranz bei der Vermessung der Strecke, also zu vernachlässigen. Daher gibt's in Biel auch keine Unterscheidung zwischen Brutto und Netto - wer hier Zeit verliert, der tut das bestimmt nicht am Start.

Mit einem lauten Knall ging's ab auf die Strecke und ich trottete los, quer durch das vom Gelb der Straßenlaternen erleuchtete Biel. Jede Menge Zuschauer waren hier noch am Streckenrand zu sehen, die besonders vor Kneipen eine Menge Partystimmung verbreiteten. Aufgefallen sind mir die vielen Kinder am Streckenrand, die mit ausgestreckten Händen abgeklatscht werden wollen; ich mag Kinder an der Strecke nie abklatschen, weil da immer so ein Rotzlöffel dabei ist, der im letzten Moment wegzieht und mir hämisch hinterherlacht! Die Strecke wies hier noch jeden Kilometer aus und ich konnte prima meinen Kilometerschnitt kontrollieren. Und dann ging's mit etwas mehr als fünf Minuten pro Kilometer raus aus Biel.

Die ersten 50 Kilometer sind relativ langweilig. Anders, als ich dachte, ist der Bieler Hunderter zum größten Teil ein Straßenlauf, also nix mit Waldwegen. Der schlimmste Abschnitt war der auf einer Landstraße, die einfach kein Ende nehmen wollte und sehr monoton war. Dazu kommt dann noch, dass es Nachts nicht viel zu sehen gibt, man sich also von der Landschaft nicht ablenken lassen kann. Es war bereits um 23 Uhr dunkel, und zwar so richtig, weil Neumond - ohne Stirnlampe wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen. Ich kann nicht verstehen, wie einige da komplett ohne Lampe laufen können.

Die Läuferdichte dünnt recht schnell aus: nach 20 Kilometern sind vielleicht noch zwei Dutzend Läufer in Sichtweite, ab 30 Kilometer vielleicht noch zwei Hand voll, und ab 50 Kilometer waren es dann nur noch fünf, die in unmittelbarer Nähe liefen. Die Mitläufer sind es aber, die die Monotonie des Nachtlaufes etwas brechen können: Jeder Vorbeiziehende oder Überholte wird beäugt, und auch die Coaches, also die radfahrenden Begleiter der Läufer, bieten eine willkommene Abwechslung zur Dunkelheit. Pro Läufer darf ein Begleiter auf dem Rad mitfahren und kann seinen Schützling verpflegen und ihm zur Seite stehen.

Kleine und große Geschäfte verrichtende Sportler traf ich an jedem Straßenrand, besonders vor den Verpflegungsstellen, da hier die Gelegenheit günstig erschien, Platz für Nahrung zu schaffen. Dabei gingen die meisten relativ ungeniert zu Werke, also nix mit Hintem-Busch-verstecken und so. Und wo ich gerade von Abfällen schreibe: nach den Verpflegungsstellen vereinten sich diese optischen Eindrücke mit den akustischen, denn Luft im Körper ist nicht gut. Merke: Furzen, Rülpsen, Kacken und Pinkeln, auch das gehört zu einem Hunderter.

Und wie ich also selbst gerade etwas Wasser ließ, direkt hinter dem Noch-50-km-bis-ins-Ziel-Schild, da wurde mir schwummerig und ich mußte mich an einem Zaunpfahl abstützen. Dabei hatte ich mir allerdings noch nichts Schlimmes geahnt, immerhin ist ja das Laufen der Status Quo und das Stehen eine Ausnahme, vergleichbar mit einem Seemann, der vom Schiff ab und zu an Land geht. Der meint ja auch, dass sich der feste Boden bewegt, während er auf dem Schiff keine Bewegung wahrnimmt, und so dachte ich halt, dass es völlig normal sein könnte, wenn einem nach langem Laufen im Stehen schwindelig wird. Aber alles Schöndenken half mir nicht darüber hinweg, dass mir immer komischer zumute wurde, und ich dieses blöde Gefühl nicht einordnen, keiner Gefahrenquelle zuordnen konnte.

Der Bieler Ultra ist in vier Teilstrecken unterteilt: von Biel nach Oberramsern (38,5 km), von da weiter nach Kirchberg (56,1 km) und schließlich bis nach Bibern (76,6 km) sind Ortschaften, die das jeweilige Ende einer Teilstrecke markieren. Man hat die Möglichkeit, sich frische Klamotten von Biel aus zu den Checkpoints transportieren zu lassen. Oder man kann auch ganz aussteigen und dann mit dem Bus im Halbstundentakt zurück nach Biel fahren, und man wird dann sogar noch auf die Rangliste gesetzt. Ich stehe also kurz vorm Abgrund und mit diesem netten Service könnte ich noch einen großen Schritt nach vorne tun.

Vor also genau jenem Bus für Aussteiger sitze ich jetzt und gehe den bisherigen Rennverlauf vor meinem geistigen Auge Abschnitt für Abschnitt durch, was ich wohl falsch gemacht haben könnte, dass ich mich jetzt so beschissen fühle. Mein linker Fuß hat relativ kurz nach dem Start angefangen zu ziepen, so bei Kilometer 20 etwa, doch er ist gerade ruhig und kann auch eigentlich nichts damit zu tun haben, dass ich mich so kraftlos fühle. Muss irgendwie mit der Verpflegung zusammen hängen, denke ich mir.

Die Verpflegung in Biel ist große Klasse. Etwa alle 5 Kilometer ist ein Verpflegungsstand aufgebaut, der nichts zu wünschen übrig läßt: Wasser, isotonische und hipotinische Getränke, Saft, Sportlertee, so eine Art Gemüsebrühe, Cola (ab Kilometer 35), dazu Bananen, Brot, Energieriegel, Kekse, alles in mundgerechte Stücke geschnitten. Bislang habe ich an jedem Stand zwei Becher Isotonisches und mindestens ein Stück, meistens zwei Stücke Banane gegessen. Also kann ich doch eigentlich nicht unterzuckert sein - oder doch?

Und als wäre das nicht schon schlimm genug: Ich mußte mich setzen! Ich habe Dierk noch vom letzten Jahr im Ohr: "...und egal was Du tust, setz' Dich bloß niemals hin! Das bereust Du! Bleib immer in Bewegung!" Tja, der Mann sprach aus Erfahrung, denn wenn man erstmal sitzt, dann verhärtet die Muskulatur in Minuten. Das merke ich auch gerade und verfluche diesen ganzen blöden Scheißlauf so lauthals, dass sich meine Banksitznachbarn ein wenig belästigt fühlen.

Hey, das hat gutgetan, das Fluchen, denn der Kopf wird kurz frei: Kann es sein, dass ich einen Hungerast habe?

Als Hungerast bezeichnet man einen plötzlichen Leistungsabfall insbesondere bei Sportlern, der auf das Aufbrauchen der Kohlenhydratreserven des Körpers zurückzuführen ist (Hypoglykämie). (Wikipedia)
Herrje, da scheinen die Bananen nicht genug gewesen zu sein. Was macht man bei einem Hungerast? Genau, Kohlenhydrate schaufeln! Und ab geht's an die Cola- und Energieriegelbar. Ich schnappe mir zwei Becher Cola und drei Stücke Energieriegel. Es gibt mehrere Riegelarten zur Auswahl, gekennzeichnet mit dem prozentualen Gehalt an Kohlenhydraten und Proteinen. Ich nehme mir von denen mit 96prozentigem Anteil an Kohlenhydraten. Immer ein Stück vom Riegel knabbernd kaue ich die braunen Stücke gut durch, damit das Zeug nicht beim Weiterlaufen im Bauch aneckt und weh tut, und spüle sie mit der schwarzen Brause runter. Nach fünf Minuten merke ich, dass der Schwindel nachläßt, nach zehn Minuten kommt die Kraft wieder. Bis ins Ziel werden noch Dutzende Stücke Energieriegel mit Litern von Cola zusätzlich zu Bananen und Isogetränken gemischt ihren Weg in meinen Verdauungstrackt finden. Es ist erstaunlich, was man so alles während eines Hunderters verdrücken kann.

Gut, Gefahr erkannt und mit Zucker gebannt, aber jetzt muss ich erstmal wieder in die Gänge kommen. Boah, diese Schmerzen! Ich denke, so muss sich ein Hunderjähriger mit Gicht und Rheuma fühlen, wenn er morgens an einem grauen Regentag im Winter aus dem Bett muss - wenn die Heizung nachts ausgefallen ist und das Fenster die Nacht über offen stand! Es dauert mindestens drei Kilometer, bis ich wieder einigermaßen rund laufe. Bis dahin tut jeder Schritt weh, ich kann keine Bodenunebenheit abfedern und stolpere zweimal auf den Grünstreifen neben der Straße, weil ich nicht rechtzeitig die Beine voreinander bekomme. Aber schließlich läuft es sich dann doch irgendwie, allerdings langsamer als vorher.

Meine Anfangszeit von etwas mehr als fünf Minuten auf einen Kilometer habe ich bis zum Tiefpunkt hier in Kirchberg durchhalten können. Den 50. Kilometer beendete ich in genau der gleichen Zeit wie meinen 50-km-Ultra im Westerwald vor vier Wochen: 4:43 h. Und nein, die erste Hunderterhälfte bin ich nicht zu schnell angegangen, denn Biel ist wesentlich einfacher zu laufen als der Westerwald, da viel flacher. Als ich die zweite Etappe bei Kilometer 56 beende, habe ich etwa 20 Minuten Zeit an Vorsprung erlaufen, gemessen an meiner angepeilten Zielzeit von 10 Stunden. Das war jedoch vor meiner Zwangspause. Das Schild auf Kilometer 60 und die damit verbundene Zwischenzeit korrigiert meine Zeit: ich habe rund 49 Minuten für die letzten fünf Kilometer gebraucht und damit den kompletten Vorsprung aufgebraucht. Das ist eine herbe Enttäuschung, und bevor ich Gelegenheit dazu finde, mich zu grämen, laufen wir bereits auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad.

Ab ca. Kilometer 58 fängt beim Bieler Hunderter der so genannte Ho-Chi-Minh-Pfad an. Das ist ein schmaler Pfad auf einer Art Deich, welcher am Fluss Emme entlang verläuft. Eigentlich sind es zwei Pfade, getrennt von einer Grasnarbe. Aufgrund der vielen Regenfälle in den vergangenen Tagen ist der Boden aufgeweicht und rutschig. Es gibt hier viele Schlaglöcher und teilweise bricht der Damm zu beiden Seiten ein wenig weg - bestimmt nicht schön, wenn man da runterfällt. Genau erkennen kann ich nichts vom Drumherum, schirmen doch die Bäume links und rechts des Pfades jegliches Restlicht von oben ab. Besonders prekär ist die Situation auch aufgrund der Wurzeln der Bäume, die sich über den Boden winden und kaum zu erkennen sind im Licht meiner Stirnlampe. In regelmäßigem Abstand schlagen uns Läufern dann auch noch tiefhängende Äste und Zweige ins Gesicht; der reinste Dschungel hier.

Zack, da passiert es auch schon: Mein Schuh bleibt in einer Wurzel hängen und ich haue der Länge nach hin. Kein Wunder, laufe ich doch immer noch ein wenig steif vor mich hin aufgrund der Zwangssitzpause und kann ergo nicht so geschickt Wurzeln, Schlaglöchern und Ästen ausweichen. Glück im Unglück, denn ich lande zwischen den Wurzeln - wäre ich direkt auf einer gelandet, so hätte ich mir leicht was brechen können. Aber auch so fluche ich wie ein Rohrspatz und verwünsche einmal mehr diese Strecke. Sofort sind andere Läufer neben mir und beugen sich über mich. Ob ich mir weh getan hätte? Ich verbeisse mir einen klugscheißerischen Kommentar, meinen sie es doch bestimmt nur gut mit mir, und sage ihnen, dass alles okay ist.

Ich rappel mich wieder auf - und bin erstaunt, wie hellwach ich auf einmal bin. Das durch den Sturz verursachte Adrenalin gibt mir einen Kick und ich laufe sehr viel aufmerksamer als vorher. Bin ich vorher den Läufern auf der besseren rechten Spur hinterhergehumpelt, so überhole ich jetzt viel mehr auf der linken Seite. Es geht wieder aufwärts, ich spüre das genau.

Der Pfad wird irgendwann zu einem Schotterweg, der wirklich super zu laufen ist und entlang einer kleinen Steinmauer führt. Hier bemerke ich, dass eine Läuferin zu mir aufgeschlossen hat und nicht mehr von meiner Seite weicht. Zuerst fällt mir das nicht weiter auf, aber irgendwann merke ich, dass sie jede Tempoveränderung meinerseits mitmacht. Ich grüße sie und sie grüßt zurück, ihre Lampe hätte den Geist bei dem Regen aufgegeben und sie könne sehr gut mit meinem Licht die Strecke erkennen. Ab hier fällt mir den Rest der Nacht über auf, dass sich relativ viele kleine Grüppchen bilden, denen jemand mit einer starken Stirnlampe voranläuft und dem viele ohne Licht folgen. Erinnert mich an die Szene in "Das Leben des Brian", wo das Volk dem Typen mit der Lampe hinterherläuft. Aber das hat auch etwas Gutes, denn ich laufe hier jetzt meine schnellsten fünf Kilometer in weniger als 24 Minuten, getrieben von einer nachtblinden Läuferin. Ha, Konkurrenz beflügelt das Geschäft!

Die fahrradfahrenden Begleiter mancher Läufer dürfen nicht überall ihre Schützlinge begleiten, sondern überall dort Umwege fahren, wo es eng oder potentiell gefährlich werden könnte, wenn Läufer und Fahrradfahrer auf zu engem Raum zusammen agieren, etwa am Start, auf Brücken oder eben auch auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad. Und genau auf diesem Pfad wird den Läufern die längste Trennung von ihren Coaches abverlangt: ganze 10 km lang. Es ist eines der wunderbarsten Bilder, die mir von diesem Lauf in Erinnerung bleiben, nämlich als wir von dem Pfad aus durch eine Art Torbogen kommen und es auf einmal ganz hell wird von all den Fahrradlampen. Dort stehen plötzlich wie aus dem Nichts viele Fahrradfahrer samt Bike links und rechts am Straßenrand Spalier, und das hat schon etwas sehr Sureales an sich.

Es gibt Läufe, die sind hart, weil ich mich selbst nicht gut fühle. Das sind meist Trainingsläufe von mehreren Stunden Länge, zu denen ich mich manchmal einfach nicht aufraffen kann. Und es gibt Läufe, die sind hart, weil sie selbst anspruchsvoll sind, unabhängig von meiner Motivation. Zu letzerem gehört dieser Bieler Nachtlauf. Läufe beider Härtearten versuche ich zu bezwingen, indem ich sie teile und die Teile dann bezwinge: Divide et impera! Den Hunderter habe ich zuerst in einen Marathon und den Rest geteilt. Nach dem Marathon habe ich die 50-km-Marke angepeilt. Sowohl Marathon als auch 50er-Ultra kenne ich und ich weiss auch, dass ich diese gut laufen kann. Nach dem 50er habe ich in meinem Kopf das Bild vom Doppelmarathon geformt, der bei Kilometer 84,39 endet. Ab hier sind es nur noch etwa 15 Kilometer zum Ziel, wobei ab Kilometer 90 schon der Zieleinlauf beginnt, mich von diesem also ab Ende des Doppelmarathons nur noch fünf Kilometer trennen. Und dann ist's nur noch ein schlapper 10er, den ich laufen muss.

Bis zur Doppelmarathonmarke habe ich nochmal kurz Hoffnung aufgrund eines falsch platzierten Kilometerschildes bekommen, doch noch die 10-Stunden-Zeitgrenze unterschreiten zu können, aber bald wird mir immer klarer, dass ich bei etwa 10:45 h landen werde. Es wird langsam hell, Sonnenaufgang ist um 5:30 h, und es wird wärmer. Mehr ist zur Strecke bis Kilometer 85 eigentlich auch nicht zu erzählen: Man läuft sich halt so da durch, ist im Flow, läßt laufen.

Zuerst habe ich mich übers Hellerwerden gefreut, aber bald schon merke ich, dass ich damit auch aufwache, alles intensiver erfahre, und damit auch aus einem inneren Dämmerzustand erwache, der mich so vor mich hinlaufen ließ. Das ist einerseits gut, weil ich den Lauf eben stärker erleben kann, andererseits macht es die Fünfer-Abschnitte subjektiv länger. Naja, ist ja nicht mehr sooo weit.

Hinterher wird mir jemand sagen, dass da ganz schön heftige Steigungen gegen Ende des Laufs waren, aber ich werde das bestreiten und sagen, dass die gar nicht so heftig waren. Tatsächlich gehe ich keinen einzigen Meter nach oben, weil ich die Steigung nicht mehr laufen könnte. Einzig ein Gefälle bei Kilometer 90 kann ich nicht mehr runterlaufen, weil die Oberschenkel die Stöße nicht mehr so recht abfangen wollen. A pro pos Gehen: Bis zum Ende werde ich jeden Verpflegungsstand als Bremse benutzt haben und meine Verpflegung gehenderweise zu mir genommen haben. Das Gehen hilft ungemein, Energie zu tanken und die Muskulatur zu entlasten, wenn auch nur kurz.

Ab Kilometer 85 wird's dann psychisch hart, denn ich hab' so langsam keine Lust mehr. Es ist zwar faszinierend zu wissen, zweimal hintereinander einen Marathon gelaufen zu sein, einen Doppelmarathon. Aber es sind trotzdem immer noch 15 Kilometer bis ins Ziel. Ich bin jetzt achtdreiviertel Stunden unterwegs und jetzt könnte das Ziel auch mal endlich kommen, oder etwa nicht? Ich laufe einen Schnitt von etwa 5'30 Minuten, mache aber Gehpausen nicht nur bei den Verpflegungsständen, sondern auch bei den Kilometerschildern 85, 90 und 95, was dann den Kilometerschnitt auf etwas über 6 Minuten pro Kilometer drückt. Egal, ich will nur noch ankommen, mich hinlegen, die Augen zumachen, schlafen. Nicht, dass ich müde wäre in dem Sinne, wie man eben spät abends müde wird, weil man schlafen möchte, sondern ich bin einfach erschöpft, ausgepowert, matschig.

Zieleinlauf beginnt ab Kilometer 90? So ein Quatsch, alles Lüge! Die Strecke ist hier genauso wie die letzten fünf Kilometer und wird auch noch die nächsten fünf Kilometer so sein. Wieder eine Erwartung, die sich nicht erfüllt hat. Ich könnte dem Typen vom Start den Hals umdrehen ob seiner Worte, aber da der irgendwo ein paar Stunden hinter mir laufen wird, will ich jetzt nicht auf ihn warten.

Die Menschen an der Strecke sind bemerkenswert: Je länger die Nacht, desto besoffener sind die Kneipengänger, die mir und den anderen Läufern auf der Straße vor ihrer Stammbierbude in den zahlreichen kleinen Dörfern lautstark grölend zuprosten, durch die wir immer wieder laufen. Wieder so ein in mein Hirn eingebrannter Schnappschuss: Wir laufen über eine gut 50 Meter lange Brücke, die überdacht ist und von innen herrlich warm ausgeleuchtet ist. Dicht an dicht gedrängt stehen die Leute in der Brücke. Es ist still, man hört kaum Unterhaltung, höchstens Gemurmel, und natürlich das Trappeln der Laufschuhe auf dem Brückenholz. Die Leute schauen sehr beeindruckt zu uns und man hört immer wieder ein "Super!" und "Weiter so!" erfürchtig gehaucht. Das tut gut! So einen ähnlichen Snapshot nahm ich auch irgendwo an einem Fluss auf. Es ist schon hell und eine schöne Frau steht alleine am Streckenrand und sagt zu mir mit Schweizer Dialekt "Gratuliere! Du bist gleich da!" - und so langsam komme ich dahinter, dass ich wirklich gleich 100 km gelaufen sein werde!

Der vorgezogene Zieleinlauf fängt eigentlich bei den letzten fünf Kilometern an, und die Strecke hört genauso auf, wie sie angefangen hat: mit Infotafeln zu jedem einzelnen Kilometer, nicht nur jedem fünften, wie es auf dem Rest der Strecke war. Auf diesem jetzt gerade steht drauf: "96 Kilometer, noch 4 bis zum Ziel". Ich habe seit gefühlten Ewigkeiten keine Mitläufer mehr gesehen und auch keine Zuschauer mehr. Ich laufe auf einer Sandstraße lang - 97 Kilometer - neben einer Bahnstrecke - 98 Kilometer - über die Bahnstrecke und ich kann unser Wohnmobil sehen in der Ferne auf seinem Parkplatz an der Straße ganz in der Nähe vom Ziel - 99 Kilometer - und ich laufe jetzt bestimmt vor Euphorie unter fünf Minuten pro Kilometer. Aber das ist jetzt auch egal: Würde jetzt irgendetwas reißen, ich würde auf dem Zahnfleisch ins Ziel kriechen wollen! Der Zieleinlauf, also der echte, fängt etwa 400 Meter vor dem Ziel an und ist wieder voll mit Menschen, die jeden einzelnen Läufer bejubeln (siehe Foto).

Die letzten vier Kilometer habe ich Zeit gehabt daran zu denken, dass ich es tatsächlich schaffen werde, die kompletten 100000 Meter. Und als ich durchs Ziel laufe, bin ich überwältigt von diesem Gefühl. Es ist einfach unbeschreiblich und es fällt irgendwie eine sehr große Last von mir ab: ein Bruchteil an Glückseeligkeit, dann ist es auch schon wieder vorbei. Ich sehe nur noch glückliche Läufer um mich herum, alle stolz mit ihrer Medaille um den Hals baumelnd, und ich bin Teil von diesem Ganzen.

Am 15.06.2007, morgens um etwa 8:35 Uhr, stoppte meine Zeit bei 10:34'58'9 Stunden beim 49. Bieler 100-km-Ultramarathon. Ich kam als 15. der M30-Alterklasse und als 241. in der Herrenwertung an. 63 Finisher gab's alleine in meiner Altersklasse, davon hat der schnellste nur 8:34'05,8 Stunden vom Start ins Ziel benötigt. 1118 Männer und 167 Frauen finishten insgesamt den Hunderter. Damit sahen etwa 59 % der Starter das Ziel nach 1oo km als Finisher. Dieses schloss nach 21 Stunden um 19 Uhr abends, und der letzte Läufer erreichte es noch in genau 20:57 Stunden, die letzte Läuferin in 20:24'46,6 Stunden. Der Sieger des 100er-Ultras von Biel, Hunold Pius, brauchte lediglich unglaubliche 7:26'09,2 Stunden - das ist ein Kilometerschnitt von nur 4'27,69! Der Zweitplazierte folgte ihm in weniger als 9 Sekunden - ein Herzschlagfinale für solch einen Ultra! Die älteste Läuferin ist Jahrgang 1934 und ist mit dem Namen Oma Marita Schulz im Ranking eingetragen. Sie finishte in 19:26'27,3 Stunden - mit 73 Jahren! Der älteste Laufer war der berühmte Werner Sonntag, und er finishte mit 81 Jahren in einer Zeit von 19:44'58,9 Stunden. Damit war er aber nicht der schnellste M80er, denn das war mit über vier Stunden Vorsprung vor Sonntag der 80jährige Paul Brassel mit 15:35'05,6 - unglaubliche Leistungen!

Jorina hat's verpennt :-) Aber klar, ich konnte auch nicht wirklich sagen, wann ich ankommen würde, und ob überhaupt. Ich humpel zum Wohnmobil - fast alles unterhalb der Gürtellinie ist verhärtet und mag nicht mehr, muss es ja auch nicht - und jubel sie aus den Federn. Alles muss sofort raus und ich erzähle überschwenglich, bin kein Stück müde. Irgendwann frühstücke ich reichlich. Vorher oder nachher, ich weiss es nicht mehr, gehe ich duschen bei der Eissporthalle, danach zur ausgiebigen Massage, während Jorina meinen Zeitchip wegbringt (man konnte nicht seinen eigenen benutzen, sondern mußte den vom Veranstalter nehmen) und mein wohlverdientes Finisher-Shirt abholt. Etwas lockerer, weil gute und lange Massage genossen, sitze ich wieder im Wohnmobil - und bin von jetzt auf gleich schlagartig KO. Das darf ich sein, denke ich noch so bei mir, bevor ich tief und fest den verdienten Schlaf derer schlafe, die da Hundert gelaufen sind.

Ich habe keinerlei Gebrechen abbekommen, außer natürlich der Steifheit der Gliedmaßen, aber das kennt man ja schon vom Marathon. Aber ansonsten nix: keine Schmerzen in den Gelenken, keine Abschürfungen, nicht eine einzige Blase oder Druckstelle! Meine Füße sind etwas sehr groß, passen die ersten Stunden nach dem Lauf nur noch knapp in meine Schuhe, aber das gibt sich recht schnell wieder.

Der Plan sah zwar vor, dass wir den Samstag noch in Biel bleiben und ausspannen und dann Sonntag mit dem Camper nach Hause fahren, aber da uns das Wasser im Camper schon am Samstag ausgeht und ich mich nach dem Schlafen schon wieder fahrtüchtig fühle, lenke ich unser Fahrzeug am Samstag abend wieder nach Hause. Am Sonntag kann ich schon wieder locker laufen, was ich dann zwecks Regeneration auch 20 Minuten tue. Mir geht's gut!

Hundert! So langsam kann ich's fassen...

Update 27.06.2007 23:28: Momentan gibt es zwei Videos auf YouTube, die ein wenig den 49. Bieler 100er 2007 zeigen. Das eine zeigt den Start, das andere den 1. Franzosen im Ziel.

Montag, 25. Juni 2007

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Benutze immer die Haustür

Ich lese seit einiger Zeit den Google Testing Blog. Da gab's jetzt schon des öfteren gute bekannte Testentwurfs- und -umgangsmuster im markanten Testing on the Toilette-Stil und ich hätte das bislang ohne Einwände unterstützt - bis heuer: Das TotT-Paper Extracting Methods to Simplify Testing kann ich so nicht unkommentiert lassen.

In diesem Paper wird geraten, eine lange und komplexe Methode durch Extrahieren von Submethoden einfacher testbar zu machen. Das Beispiel ist eine Methode zur Berechnung von Testergebnissen, also wieviele Tests fehlgeschlagen oder erfolgreich gelaufen sind. Dabei macht diese Methode drei Dinge:

  1. Einen Cache nach den Ergebnissen fragen.
  2. Falls 1. zu keinem brauchbaren Ergebnis geführt hat, eine Datenbank nach den Ergebnissen fragen.
  3. Ausrechnen, wieviele Tests fehlgeschlagen sind und wieviele erfolgreich durchgelaufen sind.
Jede dieser Aktionen ist mit einem Kommentar versehen; durch das Extrahieren dieser drei Aktionen in eigenständige Methoden gehen die Kommentare in die Methodennamen auf. So weit, so gut. Aber dann steht da
Now, tests can focus on each individual piece of the original method by testing each extracted method. This has the added benefit of making the code more readable and easier to maintain.
Die Methoden sind nicht auf dem gleichen Abstraktionslevel: Die ersten beiden Methoden delegieren die Aktionen (Ergebnisse aus dem Cache holen, Ergebnisse aus der DB holen) an dafür zuständige Objekte (cache bzw. db). Die dritte Methode dagegen berechnet die Anzahl fehlgeschlagener und erfolgreicher Tests (Filtern der Ergebnismenge nach erfolgreichen Tests, Subtrahieren der erfolgreichen Tests von der Ergebnismenge) und delegiert nicht. Damit befindet sich die dritte Methode auf einem niedrigeren Abstraktionslevel, als die beiden anderen Methoden es sind. Angebracht ist hier, eine Klasse zu extrahieren, die die dritte Methode aufnehmen kann. Eine Delegation auf diese neue Klasse würde alle drei Methoden nivellieren auf ein gleiches Abstraktionslevel.

Dadurch, dass die dritte Methode nichts mehr berechnet, entfällt der Nutzen, diese zu veröffentlichen, um sie separat testen zu können, denn die Logik in der dritten Methode existiert jetzt in der extrahierten Klasse und kann von deren Tests geprüft werden. Das Zusammenspiel der vier Objekte (der getesteten Klasse, dem Cache, der DB und der neuen, extrahierten Klasse) ist das eigentlich Interessante und Testwürdige, entweder per Integrationstest oder Unittest, letzterer mit gemockten Kollaborateuren.

Ich habe derartiges Verhalten schon öfter beobachten können, also das Verbreitern der Schnittstelle einer Klasse, damit sie scheinbar einfacher getestet werden kann. Ich habe nie einen Sinn darin erkannt. Auf der XP 2004 hat auf einer BoF-Session ein Teilnehmer ein Pattern vorgestellt, dass ich online leider nicht wiederfinden kann: Always use the Frontdoor. Eine breitere Schnittstelle ist eben nicht einfacher, sondern schwerer zu warten, muss man sich doch um viel mehr Löcher in den Wänden kümmern, als nur vor der Haustür zu fegen. Und lesbarer ist so eine große Schnittstelle auch nicht, denn der Betrachter muss viel mehr Öffnungen im Auge behalten, als er eigentlich bräuchte. Somit hat weder der Entwickler noch der Benutzer einen Vorteil davon.

"Aber das sind doch nur die Tests..." höre ich schon die ersten Unkenrufe. Ja, genau, es sind die Tests: die ersten Benutzer der Klassen und Objekte; die, die zuerst Feedback geben; die, die zuerst signalisieren, dass ihnen etwas stinkt an dem, was ihnen da vorgesetzt wird. Wenn schon die Klagelaute der Tests nicht beachtet werden, wie sensibilisiert man sich dann für das Knirschen im produktiven Gebälk?

Testgetrieben dürfte diese Art von Code auch schwer entstehen, und so ist das nachträgliche Verlangen nach zugänglicheren privaten Methoden fast immer ein Hinweis auf eine zusätzliche Indirektion, z.B. in Form einer Klassenextraktion, mindestens jedoch ein Hinweis darauf, dass man sich testgetrieben ins Aus manövriert hat. Vorher gibt es aber schon Hinweise bei den Tests, nämlich genau dann, wenn die Fixture breiter wird, wenn also ein Cache und eine DB gemockt werden müssen, um die Berechnung der Ergebnisse zu testen, obwohl eigentlich weder Cache noch DB dafür benutzt werden. So entstehen oftmals mehrere Tests innerhalb einer Testklasse, die das gleiche Subset an Objekten der Fixture benutzen. Das deutet auf eine Klassenextraktion hin, sowohl im Test als auch im produktiven Code!

Zusammenfassend läßt sich schreiben: Methoden extrahieren auf gleichem Abstraktionslevel; Abstraktionslevel gegebenenfalls angleichen durch z.B. Klasse extrahieren; keine privaten Methoden veröffentlichen und damit Löcher in die Schnittstellen hauen; auf die Tests hören; Indirektionen bewußt einbauen; Haustüren mit Tests entwickeln.

Samstag, 16. Juni 2007

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HUNDERT!!

Hab's geschafft: Zeit: 10:34'58. Bin Halbtod aber glücklich. Einzelheiten später. Kann's noch gar nicht fassen :-) HUNDERT!!

Dienstag, 12. Juni 2007

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Bereit für Biel

Acht Wochen direkte Vorbereitung liegen nun hinter mir und ich fühle mich zunehmend bereit für Biel und meinen ersten 100er - Restzweifel mal ausgenommen, aber dazu später mehr.

Pro Woche bin ich zwei Mal länger gelaufen von zwei bis fünf Stunden, meist zwischen 2:30 h und 3:30 h. Am Ende der zweiten Woche bin ich beim Rhein-Ruhr-Marathon mitgelaufen: dreieinhalb Stunden Anreise im Smart, Laufen, und wieder zurück - ich war von halb vier Uhr morgens bis 18 h abends beschäftigt :-) Angestrebt war ein 3:30-h-Trainingslauf, geworden ist's ein 4:00-h-Quäl-Dich-Du-Sau-Lauf, weil der Magen-Darm-Trackt noch nicht mitspielen wollte. Eben diesen habe ich jetzt Dank Arzt und Medikament (Duspatal) ausgetrickst, wobei letzteres nicht auf der Dopingliste steht, Bölts-Zitat hin oder her. Von der Wirkung des Medikamentes konnte ich mich dann in der fünften Woche beim 50er Ultra im Westerwald überzeugen: selbst Bananen wollten nicht vorschnell wieder aus mir raus! Eine weitere Innovation: In den Westerwald bin ich mit Jorina in einem Wohnmobil gefahren und das hat uns so gut gefallen, dass wir so auch nach Biel fahren wollen. Mehr dazu in einem eigenen Blogeintrag zum Westerwaldlauf.

Das war dann auch schon gleichzeitig der längste Trainingslauf; in der siebten Woche wollte ich eigentlich noch einen Traingsmarathon laufen, aber da habe ich ein wenig die externen Faktoren unterschätzt, etwa die kraftraubende Hochzeit meiner cousine am Tag davor, wenig Schlaf, viel Veränderung bei der Arbeit, weil neues Projekt, und schließlich auch, dass kein organisierter Marathon dann stattfinden wollte, als ich ihn hätte brauchen können: Der nächstgelegene Marathon wäre Potsdam gewesen, und das war mir zum Anreisen am gleichen Tag dann doch zu weit. Egal, dachte ich mir, machste das eben auf der 2,5-km-Waldlaufbahn im Karlsruher Hardtwald. 17 Runden können doch nicht so lang sein... Gesch***en, und wie lang die sein können! Das hat überhaupt nicht hingehauen und ich hab nach 30 km frustriert aufgehört, mehr vom Kopf als von den Beinen fix und alle. Naja, kann jetzt natürlich auch ein typischer Fall von kognitiver Dissonanz sein, dass ich mir diesen zusammengelaufenen Mist jetzt schön rede, damit's mit meinem Weltbild vereinbar wird, aber Zwecks Motivation bitte ich um keine Kommentare vor nächsten Samstag, die darauf näher eingehen ;-)

Die Bilanz ist entscheidend: Ich habe nach meinem Desastermarathon in Freiburg Anfang April zwei Wochen regeneriert (etwa 40 km Umfang pro Woche) und mich dann acht Wochen intensiv auf Biel vorbereitet. Das Minimum lag bei 88 km Umfang in der letzten Woche, das Maximum bei 154 km in der fünften. Insgesamt bin ich knapp 900 km gelaufen, also etwa 110 km im Schnitt pro Woche. Mensch, Angeben macht Laune :P

Gesundheitlich geht's mir gut. Zweimal habe ich schmerzhafte Muskelverhärtungen in der rechten Wade gehabt, die ich aber wegmassiert und -gedehnt bekommen habe. Die hohen Laufumfänge haben sich erwartungsgemäß in den Knien als Spannungsgefühl bemerkbar gemacht, aber ich denke, dass ich das über Biel aushalten kann und sich das wieder gibt, wenn ich die Umfänge nach Biel erstmal wieder reduziere. Magen-Darm-Gedöns scheine ich im Griff zu haben. Und in der nächsten Woche habe ich wenig zu arbeiten und kann viel ruhen, schlafen, entspannen und mich gedanklich auf den Ultra vorbereiten und einstimmen.

Jorina kommt mit nach Biel, und auch wenn sie schläft, während ich durch die Nacht laufe, ist sie wie immer meine mentale Stütze. Am Donnerstag fahren wir beide die knapp 300 km von Karlsruhe nach Biel in die Schweiz im Camper. Neben dem Anmelden und Startunterlagen abholen schauen wir dann mal, was wir vom Programm der Bieler Lauftage noch so mitnehmen werden. Freitag morgen will ich früh aufstehen, damit ich mich mittags bis nachmittags dann nochmal hinlegen kann - jaja, graue Theorie, ich weiss: Normalerweise bin ich vor solchen Unternehmungen so fickrig wie ein Eichhörnchen auf Speed, aber zumindest soetwas wie Ruhe will ich versuchen zu bekommen im Wohnmobil. Um 22 h abends dann wird's ernst und ich werde mit über 2000 anderen Bekloppten in die Nacht traben, während Jorina sich dann wahrscheinlich in die Camper-Koje kuschelt. Muss sie aber auch, denn sie soll ja fit sein für den Fall, dass sie mich dann hoffentlich am anderen morgen im Ziel noch wiedererkennt.

Wie lange ich da unterwegs sein werde? Keine Ahnung, ich blicke da auf keinerlei Erfahrungswerte zurück und mir sind auch keine Umrechnungstabellen bekannt. Beim Ultra im Westerwald habe ich viel lernen können: Wenn es trocken bleibt, dann versuche ich unter 10 h zu bleiben. Aber hey, ich will da durchkommen, selbst wenn ich die letzten 20 km nur noch rumschlurfe, und dann ist mir die Zeit erstmal egal. Optimieren kann ich dann beim nächsten 100er :-)

Wünscht mir Zuversicht und Selbstvertrauen! Ich hab's zwar vielerorts gelesen, aber die Bedeutung der Worte erschließt sich mir erst jetzt so richtig: Einen 100er läufst Du im Kopf! Bin schon seit Tagen auf der Strecke - und hoffentlich komme ich da vor Freitag abend noch ins Ziel...!

Dieser Blog ist tot. Ich blogge weiter auf dem «Agile Trail».

Ultra am Vatertag: mein Westerwaldlauf


Wenn man einen Ultramarathon von 1oo km Länge in Biel laufen will, dann sollte man sich darauf vorbereiten. Soweit sind sich, glaube ich, fast alle einig. Aber das war's dann auch schon mit der Einigkeit: Es gibt Weisheiten ohne Ende im Netz zu finden, wie man sich auf einen Ultra bei Nacht in der Schweiz vorzubereiten hätte. Sehr viele und sehr lange Läufe bishin zu einigen wenigen nicht ganz so langen, im Wettkampftempo rumwetzen oder fast schon rückwärts gehen, mit intensiveren Läufen oder ohne, nur noch Nachts oder ab und an mal abends, hügelig-bergiges Gelände oder egal, eher nüchtern oder vollgefuttert. Dehnen, Lauf-ABC, Krafttraining, Koordinationsübungen, alternative Ausgleichs-Sportarten, Massagen, Sauna, Dampfbad, Höhentraining, Stairclimber, Laufbänder, Ernährungspläne bishin zu Epo, Eigenblut und Testosteron - fast nichts, was einem nicht geraten wird. Das ist verwirrend.

Zum Beispiel der lange Lauf. Wie lang soll der denn sein? Welches Pensum reicht aus, um zu finishen? Ist einer in der Woche zu wenig oder sind drei zu viel? In welcher Intensität soll ich dabei laufen? So wie ein Langer beim Marathon? Oder eher langsamer? Vielleicht sogar progressiv? Och nö, ich will doch nur laufen... ;-(

Irgendwann, nachdem ich gefühlt die trillionste Website weggeklickt habe, die mir erklären möchte, wie geil man sich doch nach der Injektion einer Substanz fühlen müsse, für deren Aussprache man schon das große Latinum abgeschlossen haben müsste, also irgendwann danach bildete sich bei mir so ein Bauchgefühl heraus. Ergebnis: Ein 50-km-Ultra wäre gut in der Vorbereitung. Mein acht Wochen Trainingsplan, streng nach Superkompensationsprinzip dreimal ansteigend, hatte damit in der Mitte seinen Höhepunkt gefunden. Die beiden anderen Spitzen belegte ich mit zwei Marathons und fertig waren die "richtig" langen Läufe.

Nun lebe ich ja nicht in einer perfekten Läuferwelt und muss mich mit allerhand Nebensächlichkeiten rumplagen, Freundin und Arbeit und so. Und da läßt es sich nicht vermeiden, dass auch die besten Trainingspläne mal mit Belanglosem kollidieren, dem Urlaub etwa. Geplant war ein Wohnmobil-Trip von Karlsruhe nach Italien, vielleicht sogar bis nach Rom. Glücklicherweise lebe ich mit einer toleranten Freundin zusammen, der ich mit nur ganz wenig Auf-Knien-Rutschen die imensen Vorteile klarmachen konnte, die sich bei einem "kleinen" Umweg über den Westerwald ergeben würden - rein trainingstechnische Vorteile, versteht sich. Für alle geografischen Legasteniker: der Westerwald liegt in etwa bei Köln, 230 km nördlich von Karlsruhe, während Italien so in etwa südlich von Karlsruhe dümpelt. Und so meldete ich mich für den 9. Internationalen 50 km Erlebnislauf im Westerwald.

Jorina und ich fahren also per Wohnmobil am Mittwoch nachmittag nach Rengsdorf in den Westerwald. So ein Wohnmobil ist eine feine Sache: Du packst rein, was Du brauchst, ohne Rücksicht auf Platzmangel, und dann ist das Ding trotzdem nur halb voll. Wenn Du ankommst, wo auch immer, dann schlüpfst Du nur fünf Schritte vom Fahrersitz ins Doppelbett. Und am nächsten Morgen machst Du Dich lauffertig und wenn Du aus der Tür gehst bist Du schon am Start. Toll :-)

Das Hauptquartier des Westerwaldlaufs ist beim Freibad in Rengsdorf und auf dessen Parkplatz stellen wir den Camper ab. Nach einer kurzen, aber erholsamen Nacht mache ich mich morgens fertig. Gar nicht so einfach zu entscheiden, was man anziehen soll bei diesem Wetter: Die Temperatur war morgens um 7 h bei etwa 6° C und es nieselte mit einzelnen kleinen Schauern. Split-Shorts und Laibchen war ich die Wochen vorher bei den ungewohnt hohen Temperaturen gewohnt, und das war jetzt einfach zu kalt. Also noch eine Regenjacke drüber. Gute Entscheidung, denn es sollte nicht wärmer als 13° C an diesem Tag werden.

Der Rennleiter erklärt kurz vor 8 h die Strecke, einmal zum Rhein und zurück, "so wie schon vor fünf Jahren, dass kennen ja bestimmt einige". Vielstimmiges Zustimmungsgemurmel. Aha, dieser Lauf hat Fans. Kleine Pappschilder am Streckenrand mit Pfeil und Veranstalungskennziffer drauf sollen die Richtung weisen. Viel Spaß wünscht er noch und dann fällt der imaginäre Startschuss und etwa 50 Läufer machen sich auf die Reise.

Der Westerwaldlauf war ursprünglich mal ein reiner Wandertag, konnte aber irgendwann nicht mehr genügend Wanderer begeistern und bietete zusätzlich auch einen Ultramarathon an. Die Wanderer starten schon ab 5 Uhr morgens, so dass wir fast auf der ganzen Strecke an solchen Frühaufstehern vorbeikamen. Erwähnenswert ist noch, dass es keine Zeitmessung vom Veranstalter gibt, es ist ein reiner Spaß- und Erlebnislauf ohne offiziellen Wettkampfcharakter. Man kann sich denn auch nur in etwa später eine Platzierung und Einordnung ins Läuferfeld bzgl. der Zeit dadurch zurechtargumentieren, dass man das Internet auf Zeitennennungen anderer Läufer durchforstet.

Nach nur zweieinhalb Kilometern, ich habe mein Lauftempo gerade gefunden, passiert es dann auch schon: Ich folge einem Pfeil, der auf eine Anhöhe deutet. Vor mir habe ich nach dem Start sechs andere Läufer gezählt, wovon der erste abging, als ob das hier ein 10er wäre. Kurz vor der Anhöhe hört der Weg plötzlich auf und geht in eine Wiese über - hinter der Anhöhe meine ich ein Waldstück auszumachen. Boah, denke ich mir, die vor mir sind aber schon ganz schön schnell, kann ich ja gar nicht mehr sehen. Hinter mir ruft's auf einmal niederländisch - und so lerne ich Wim kennen. Verstanden habe ich nicht, was er ruft, aber die Geste ist eindeutig: ich bin in die falsche Richtung gelaufen und mit mir der rufende Wim und noch ein paar Läufer dahinter. Also wieder runter von der Wiese und hinter Wim her, etwas bedröppelt, weil das Läuferfeld natürlich überholt hat und ich mich da jetzt wieder durchwuseln muss.

Das kann natürlich immer passieren, egal ob 5 km oder Ultramarathon: Irgendwelche lustigen Schildverdreher kommen daher, wenn die Rennleitung in den Tagen vor dem Lauf die Strecke absteckt, und das ist ja auch sowas von zum Totlachen, wenn man da den Rennverlauf ändert und die Teilnehmer auf ungesicherte Kuhwiesen umleitet. Ich kann mich ja gar nicht mehr einkriegen vor guter Laune, als ich nur knapp einem zugewachsenen Abwassergraben entkommen bin.

Glück im Umweg: Wim kommt aus den Niederlanden und läuft in etwa meine Geschwindigkeit. Ja, okay, er läuft schneller und ich hänge mich ran. Shaking Hands und ab da laufen wir zusammen und quasseln über den ganzen Lauf die Kilometer weg. Wim ist erfahrener Ultramarathoni, hat schon den Comrades-Lauf in Südafrika mitgemacht oder auch fünf Mal den K78 beim Swiss-Alpin-Marathon in Davos (und das als Flachländer!). Vier Tage zuvor hatte er bereits einen anderen 50er mitgemacht und mit diesem hier zusammen ist das eine wesentliche Vorbereitung auf einen schottischen 100-Meilen-Lauf. Wir plaudern zusammen über Trainingsmethoden, über Urlaub, über Familie, Beruf und so ziemlich alles zum Thema Laufen.

Der Westerwald ist hügelig. Gut, dass hatte ich mir im Vorfeld gedacht. Immerhin hab ich ja auch schonmal den Siebengebirgsmarathon mitgemacht. Aber die Steigungen im Siebengebirge sind langgezogen, während sie im Westerwald teilweise sehr steil sind. Wim meinte irgendwann, dass hier kein Meter ohne Steigung sei, und außer einem Teilstück von 500 m stimme ich ihm da vollkommen zu. Mein Pulsmesser erzählt mir später etwas von knapp 1500 Höhenmeter, was etwa die Hälfte von den Höhenmetern des Siebengebirgsmarathons wäre. Und Wim fliegt die Steigungen rauf wie eine Gemse. Oftmals komme ich da nicht mit, hole ihn aber immer wieder Zähne aufeinander beißend bergab ein. Auch sonst ist es ein sehr harmonisches Miteinander: mal ist Wim 20 Meter weiter vorne, mal bin ich es, aber meistens laufen wir direkt vor-, hinter- oder nebeneinander.

In Abständen von einigen Kilometern gibt es immer wieder kleine Hütten, Bretterverschläge und Zelte, in denen die Verpflegung angeboten wird. Wir werden jeweils persönlich bedient ("Was darf's denn sein für Euch?"), da wir relativ weit vorne mitlaufen und es sowieso eine eher überschaubare Anzahl Teilnehmer gibt. An fünf Verpflegungsstellen muss ich meinen Laufzettel vorzeigen, der dann abgestempelt wird. Dummerweise habe ich kein Plastiktütchen beim Anmelden eingesteckt, dass den Laufzettel vor der Witterung schützen sollte, und so hilft mir Wim ein weiteres Mal, als er mir den abgerissenen und durchweichten Teil mit den Stempeln drauf hinter mir aufhebt. Hätte ich ohne ihn bestimmt nicht gemerkt.

Die Strecke war übrigens ziemlich cross, will heißen: entweder rauf oder runter die Wiesen und Feldwege, gespickt mit Pfützen und heruntergefallenen Ästen, dazu sehr schlammige Passagen weil Dauer(niesel)regen. Lustig war's an einer Stelle, wo wir Mountenbikern (auch radelnd darf man die 50-km-Strecke bewältigen) bergauf im Morast davongelaufen sind. Und teilweise wurde es auch ein wenig gefährlich, etwa bei einem Trampelpfad an einem Steilhang entlang. Linker Hand waren Erde und Wurzeln am Hang, rechter Hand ging's steil einige Meter tief runter ins Gebüsch. Plötzlich kommt eine scharfe Linkskurve wie aus dem Nichts und nach einer scharfen Bremsung suche ich vor mir automatisch nach abgestürzten Läufern. Oder das eine Teilstück, bei dem man einen schmalen Pfad durchs Unterholz runtergelaufen ist und auf einmal eine gut befahrene Straße den Wald beendet - den schnellen Kontextwechsel des Ausweichens von zuvor kratzigen Brombeersträuchern und jetzt hupenden Autos muss man auch erstmal verkraften.

Aber das soll jetzt nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Landschaft wirklich fantastisch ist: dichte Wälder, nebelbehangene Wiesen, bishin zu schön anzusehenden Weinanbaugebieten. Das Highlight ist aber etwa in der Mitte des Laufes zu bestaunen, und da sind Wim und ich auch fast angehalten. Wir laufen etwa 24 km immer nur im Wald und ab und an mal durch ein Dorf, eine Lichtung oder eine Wiese, um dann auf einmal einen Panoramablick auf den Rhein samt Umland zu bekommen. Wunderschön war das, trotz Regen und Nebel.

Gegen Ende wird es immer heftiger mit den Anstiegen, bzw. natürlich werden nicht die Anstiege heftiger, sondern ich habe denen jetzt weniger Kraft entgegenzusetzen. Bei km 30 etwa ist die steilste Passage, bei der ich meine, dass sogar der wackere Wim ein wenig gejapst hat - und ich hab' mir ja ganz viel Mühe gegeben, aber trotzdem auf den letzten 20 Metern oben einfach nicht mehr die Füße voreinander bekommen, so dass ich den Rest gehend bewältigt habe. Eigentlich sogar kletternd, denn die Steigung erlaubte einen problemlosen Einsatz der Hände zur Fortbewegung. So ab km 45 ist mir das dann noch öfter passiert - und Wim hat zum Schluß jedesmal auf mich gewartet! Aber so schlimm hatte ich diese Kraftlosigkeit auch noch nicht erlebt: Ich konnte einfach mein Bein nicht mehr so hoch heben, wie es die Steigung erfordert hätte. Richtig unheimlich war das, aber eine lehrreiche Erfahrung, habe ich doch noch viele weitere Bergläufe in mein Trainingsprogramm für Biel aufgenommen.

Die letzten zwei Kilometer sind nochmal richtig knackig: Hinter jeder neuen Kurve vermute ich das Ziel, meine alle 50 Meter aufs neue einen feinen Chlorgeruch des Freibades wahrzunehmen oder verfluche jede noch so kleine Steigung. Auf einmal können Wim und ich das Freibad durch die Bäume etwa 10 Meter den Hügel runter ausmachen - und müssen nochmal eine große Schleife dran vorbei laufen, sonst wären es sicherlich keine 50 km geworden. Wim lacht, ich fluche, und so laufen wir noch die Schleife, die natürlich nochmal den Hügel raufführt, bevor wir endlich am Ziel ankommen.

Jetzt würde ich gerne schreiben, was für ein furioser Empfang uns im Ziel bereitet wird, wie die Massen jubeln und die Menge tobt - doch das wäre dann ein anderer Lauf. Knapp hinter dem Banner mit der Aufschrift Ziel steht ein kleiner Tisch mit Plastikbechern und Getränken drauf. Wir schenken uns selbst etwas zu Trinken ein. Eine Frau fragt uns nach unserer Zeit und wir lesen ihr diese von unseren Uhren vor. Dann dauert es eine ganze Weile - bis ich schließlich auch im Kopf ankomme! Ich hab's geschafft, 50 km, mit Wim zusammen!

Wim und ich fallen uns in die Arme und beglückwünschen uns zur Zielankunft. Dann humpeln wir zu den Duschen: Wim ins nahegelegene Hotel, ich ins Freibad zu den sanitären Anlagen, nicht ohne uns für nachher noch zu verabreden. Warmwasser sucht man dort zwar vergebens, aber auch so geht die dicke Dreckkruste ab - nach dreimal Einseifen :-)

Eine Urkunde gibt's, wenn man den Laufzettel abgibt ("Ach herrje, der ist ja ganz durchnäßt! Na, ich glaub' Ihnen das mal mit den Stempeln *zwinker*") und seine Zeit nennt: 4:43 h. Die Urkunde ist im unschlagbar günstigen Preis von EUR 9 (ja, neun, einstellig!) noch mit drin, die Medaille und das T-Shirt kosten extra. Aber auch da sind die Preise völlig okay, das Funktionsshirt etwa für nur EUR 6. So wenig habe ich noch nirgendwo sonst pro Kilometer bezahlt.

Jorina war derweil Fotographieren und wir treffen uns im Wohnmobil wieder. Kurz Foto- und Streckenbeschreibungen ausgetauscht und wir decken uns mit Würstchen und Erbseneintopf ein, alles von den Veranstaltern organisiert. Danach fühl ich mich auch nicht mehr ganz so leer und kann schon wieder einigermaßen auf ebenem Boden normal gehen. Wim treffen wir danach noch bei Kaffee und Kuchen und laden ihn zu uns ins Wohnmobil ein, wo wir den ganzen Nachmittag quatschend verbringen und dann abends weiterfahren Richtung Italien.

Wim, an dieser Stelle nochmal vielen, vielen Dank an Dich! Ich habe sehr viel von Dir lernen können und es hat mir ganz viel Spaß gemacht, diese Strecke mit Dir zusammen zu laufen. Abgesehen mal davon hätte ich mich dreimal im Wald verlaufen und hätte keinen gestempelten Laufzettel mehr, wenn Du mir nicht geholfen hättest :-) Danke für diesen schönen Tag!