Sonntag, 29. Juni 2008

Dieser Blog ist tot. Ich blogge weiter auf dem «Agile Trail».

Auf und Ab beim Fidelitas Nachtlauf

Vor zwei Wochen habe ich Biel abgebrochen bei km 76,6 von 100 insgesamt. Das kann man ja nicht so auf sich sitzen lassen, dachte ich mir - und bin zwei Wochen später, heute, beim Karlsruher Fidelitas Nachtlauf in Karlsruhe gestartet, einem Ultramarathon von 80 km Länge.

Auf: Wer nur auf einen 100er trainiert und davon nur etwa Dreiviertel läuft, der hat noch Reserven. Ergo entschied ich mich für den Ultra, der meinem Wohnort am nächsten liegt: etwa 6 km von meine Zuhause ist Start und Ziel vom Karlsruher Nachtlauf. Da muss man ja mitmachen.

Ab: Vor knapp einem Jahr hatte ich zuerst ziemlich starke Schmerzen im Fuß und danach in der Hüfte bekommen, etwa in der Zeit nach meinem damaligen Biel-100er. Das hat sich dann bis Weihnachten hingezogen, an regelmäßiges Training war nicht mehr zu denken. Erst durch viel physiotherapeutische Behandlung und Krafttraining habe ich die Schmerzen in den Griff bekommen, bis ich dann Ostern diesen Jahres darüber hinweg war.
Die Ursache der Hüftschmerzen blieben bis dato im Verborgenen, einen Zusammenhang mit Bahn- und Tempotraining hatte ich vermutet. Da ich dieses Jahr noch persönliche Bestzeiten auf der 10-km-Strecke und im Halbmarathon plane, bin ich letzte Woche Mittwoch auf die Bahn gegangen, 16 x 400 m mit 200 m Trabpausen - das erste Mal auf der Bahn nach fast einem Jahr Abstinenz. Und danach hatte ich zuerst Fuß- und dann Hüftschmerzen...
Scheiße, dachte ich da. Die Schmerzen wurden immer schlimmer im Laufe der Woche vor dem 80er, und ich konnte mir nicht erklären, woran das liegen könnte. Innerlich hatte ich am Donnerstag vor dem 80er schon mit dem Wettkampf abgeschlossen und mich bis Weihnachten mit Trainingsausfall konfrontiert gesehen.

Auf: Die Einlagen sind's! Das ist unglaublich! Ich trage seit 4 Jahren orthopädische Einlagen, weil ich Senk-Spreiz-Hohlfüsse (oder so) habe, und damals wurde mir gesagt, dass man damit ja nicht laufen können, zumindest nicht ohne Einlagen. Die Einlagen erhöhen meine Ferse um etwa einen Zentimeter, so dass die Belastung für den Fußrücken nicht so extrem sein sollte. Diese Erhöhung ist nicht linear von den Zehen bis zur Ferse ansteigend, sondern beschreibt eine geschwungene Kurve. Der Wendepunkt der Kurve sollte über den Fußspann meinen Fußrücken stärken. Wenn ich nun aber auf Tempo laufe, dann stoße ich mich viel stärker vom Boden ab, als wenn ich normal laufe, dann drückt mir dieser Wendepunkt viel stärker in den Spann. Daher kommen die Fußschmerzen. Die Schmerzen sind auf der Fußinnenseite stärker als auf der Außenseite, da die Einlagen auf der Fußinnenseite etwas höher gebaut sind und der Fuß an dieser Stelle sozusagen den intensivsten Kontakt hat. Wenn es nun auf der Fußinnenseite unangenehm war beim Laufen - auch nach dem Bahntraining, also beim ganz normalen Kilometerrunterspulen - , ich auf der Fußinnenseite also ein Druckgefühl verspürte, dann lief ich mehr auf der Außenseite, drückte mein komplettes Bein mehr nach Außen und, voilá, bekam Hüftschmerzen!
Wenn denn die Einlagen an meinen Schmerzen Schuld sind: Weg mit den Einlagen! Extrem, aber der einzig logische Schluss.
Nun muss man wissen, dass es gewisse Don'ts gibt für einen Wettkampf: Laufe nicht zu schnell los am Anfang, kleb' Dir die Brustwarzen ab, laufe nie in neuen Schuhen usw. Wenn man die orthopädischen Einlagen gegen die Herstellereinlagen (die sind total flach, nix mit Orthopädisch) austauscht, dann ist das quasi ein neuer Schuh mit völlig anderem Laufverhalten.
Am Freitag vor dem 80er bin ich 8 km in Schuhen mit normalen Einlagen gelaufen, ohne Probleme. Am Samstag bin ich den 80er in Schuhen mit normalen Einlagen gelaufen - auch ohne Probleme! Bin immer noch total überwältigt, dass das so geklappt hat.

Ab: Am Freitag hatte ich Kopfschmerzen, fast den ganzen Tag lang. Keine Ahnung, warum, vielleicht das schwüle Wetter und die stickige Luft in Karlsruhe. Keine guten Vorzeichen für den 80er.

Auf: Am Samstag fühlte ich mich wieder ganz gut.

Ab: Um 16 h bin ich bei der Veranstaltung aufgekreuzt, Start sollte um 17 h sein. Bis 16:40 h habe ich in der Schlange für die Voranmelder gestanden, die von genau einem (!) Helfer abgearbeitet wurde; ich vermute, dass die Letzten in der Anmeldeschlange nicht mehr rechtzeitig zum Start gekommen sind. Hätte ich mich nicht in der Schlange umgezogen und für den Start vorbereitet, wie einige andere das auch taten, dann wäre ich wohl auch nicht mehr rechtzeitig zum Start gekommen. Schlechte Organisation!

Auf: Der Start verlief gut und nach 5 km lobte mich eine andere Läuferin. Sie müsse unbedingt mal ein Kompliment loswerden, mein Laufstil sei einer der besten, den sie je gesehen hätte. Aufgrund dessen, dass ich auf den folgenden Kilometern ihre komplette Lebenssituation zu hören bekam, könnte sich das Kompliment natürlich auch um einen sehr gut berechneten Gesprächseinstieg gehandelt haben ;-) Trotzdem hat das Kompliment seine Wirkung nicht verfehlt, habe ich ähnliches doch noch nie gesagt bekommen, als ich noch mit Einlagen lief.

Ab: Es war heiß: beim Start 27 °C, in der Nacht nicht unter 20° C. Blöderweise verläuft die Strecke hauptsächlich nach Einbruch der Dunkelheit im Wald, wo man am Tage den Schatten hätte genießen können. Mit 20 Verpflegungsstationen konnte ich aber trotz der Hitze jederzeit ausreichend trinken.

Auf: km 20 kam - und ich konnte noch laufen, ziemlich gut sogar! Im Vorfeld habe ich damit gerechnet, maximal bis km 20 zu kommen, und dann mit Hüftschmerzen abbrechen zu müssen. Die Hüfte war zwar nicht ganz ruhig - dafür war sie in den Tagen davor zu sehr gereizt worden -, aber es war wirklich sehr gut auszuhalten, und es ist nicht schlimmer geworden.

Ab: In Mutschelbach, km 39,9, war die zweite Wechselstelle der Etappenläufer, die die gleiche Strecke wie die Ultras liefen. Das Publikum war super, Spalierlaufen mit Jubel war angesagt - aber dadurch habe ich die Verpflegungsstelle übersehen! Nicht so gut, wenn man 10 km ohne Flüssigkeit läuft. Folglich hatte ich dann auch richtig Durst vorm nächsten Verpflegungsposten. Durst zu haben sollte man während des Laufs vermeiden, denn es bedeutet, bereits dehydriert zu sein, ein Zustand, den man nicht haben will, weil leistungsmindernt. Es brauchte einige Gehminuten, bis ich genug Flüssigkeit verarbeitet hatte, um weiterzumachen.

Auf: km 50 und ich bin, wie in Biel, mit 4:29 h in einer guten Zeit unterwegs. Hätte ich das bis ins Ziel durchgehalten, dann wäre da eine Zeit von 7:10 bis 7:15 h herausgekommen. Ich rief Jorina an, die ich als Stirnlampenbringerin bei km 62,6 in Marxzell verpflichten konnte, und teilte ihr mit, dass ich in etwa einer Stunde in Marxzell sein würde.

Ab: Und dann kam - wieder mal - der Magen dran. Diesmal war ich aber vorbereitet, zumindest scheinbar. Auf Empfehlung eines auf Magen-Darm-Sachen spezialisierten Arztes habe ich Buscopan ausprobiert, ein den Magen entkrampfendes Zeug. Eine Tablette habe ich vor dem Start genommen, eine zweite bei km 30, eine dritte bei km 50. Trotzdem hatte ich immer wieder Probleme beim Bergablaufen, wo sich jede Erschütterung wie ein Messerstich in meine Gedärme grub. Ätzend! Bei diesem meinem Magenproblem scheine ich noch immer nicht den entscheidenden Hinweis gefunden zu haben. Weitersuchen!

Auf: Nach meiner persönlichen Magen-Darm-Odyssee kam ich endlich kurz vor Marxzell mit mir überein, dass ich nicht abbreche, sondern durchlaufe/-gehe. Bernd vs. Magen: 1:10 durch Anschlusstreffer kurz vor Marxzell; dieser eine Punkt war entscheidend :-)
In Marxzell sah mich Jorina sofort, wir tauschten Schirmcappy gegen Stirnlampe und ich lief den Graf-Rhena-Weg gen Ettlingen, den ich so oft schon im Training zuvor gelaufen bin.

Ab: Ich musste immer häufiger gehen, weil der Magen einfach nicht mitmachen wollte. Orthopädisch klappte alles bestens, die Beine waren auch noch nicht müde, aber die Magen-Darm-Gegend nahm mir jede nicht ganz so sanft genommene Bodenunebenheit übel. Ich rechnte mir aus, dass ich ins Ziel kommen sollte in unter 8 h, und das war ja schon immerhin ein kleiner Trost. Wäre da nicht diese verhängnisvolle Kreuzung in Ettlingen gewesen...
Die Streckenführung war mangelhaft, aber das hatte ich schon aus Laufberichten der Vorjahre gelesen. Kleine weiße Pfeile auf dem Boden sollten den Weg weisen, nur fehlten die Pfeile sehr oft, meist gerade an Spitzkehren, wo man dann gerne dem Weg geradeaus folgt, anstatt abzubiegen. Zusätzlich zu den kleinen weißen Pfeilen gibt es noch Bändsel, also Stücke von rot-weiß-gestreiftem Absperrband, die auf der Laufstrecke in Bäumen hingen oder um Laternenpfähle gebunden waren. Das dumme daran: Wer auch immer etwas abzusperren hat, der nimmt rot-weiß-gestreiftes Absperrband, wie man es in jedem Baumarkt bekommen kann! Und so konnte die Parole, die noch beim Start ausgegeben wurde, nicht wirklich eingehalten werden: "Wenn Du irgendwo abzweigst und Du siehst die Bändsel, dann weißt Du, dass Du noch richtig läufst - ansonsten kehre um!"
In Ettlingen lief der Läufer vor mir rechts statt links an der Kreuzung, an der es keine weißen Pfeile und keine rot-weiß-gestreiften Bändsel gab, und ich lief hinterher, und hinter mir kamen noch zwei andere mit gelaufen. Ein paar hundert Meter später sahen wir ein rot-weiß-gestreiftes Bändsel, und schlossen messerscharf: Alles ist gut. Nach eineinhalb Kilometern ab der ungekennzeichneten Kreuzung hielt mit quietschenden Reifen ein Auto neben uns: "Hey, ihr seit falsch!" Der Umweg betrug 3 Kilometer, ade 8-h-Zielzeit.

Auf: Psychisch doch arg angeschlagen wegen des Umwegs quatschte ich mich drei Kilometer vorm Ziel bei der fünften Frau fest - und prompt verliefen wir uns. Ein anderer Läufer - ziemlich fertig mit sich und der Welt, Puls bei 190, dies sein dritter Ultra in zwei Wochen - folgte uns in seiner Trance, und so standen wir dann irgendwann um 1:00 h nachts mitten auf einer Kreuzung und wussten weder, woher wir gekommen waren, noch, wo wir jetzt hin sollten. Hilfsbereite Fußgänger fragten wir nach dem Weg (die Blicke sind cool, so eine Mischung aus Angst und "Du Schatz, sei vorsichtig, die sind total Gaga!"), und nach einem weiteren Kilometer kamen wir von der völlig falschen Seite zum Stadion, wo der Zieleinlauf war. Später erfuhren wir, dass sich sehr viele Läufer auf den letzten Kilometern verlaufen hatten: Aus vier Richtungen wurde das Ziel gestürmt!

Das Auf und Ab hat ein Ende: Nach 8:28'42 h bin ich dann auch noch ins Ziel gekommen. Ergebnislisten finden sich hier (meine Startnummer war 129). Platz 57 von 163 Zieleinläufern, in der Alterklasse Platz 17 von 33 M30-Zieleinläufern. Entweder, der Lauf ist wirklich so gut besetzt (Siegerzeit unglaubliche 5:38'29 h, mehr als 40 Minuten herausgelaufen auf den 2. Platz), oder ich war wirklich so schlecht ;-)

Der Lauf, verglichen mit Biel, ist deutlich schwerer, und das sagen nicht nur meine Knochen, Gelenke und Muskeln 24 h später. Die Steigungen sind heftiger und die Streckenführung total bekloppt bis hin zu "schlicht nicht vorhanden" (im Nachhinein finde ich es erstaunlich, dass ich mich "nur" um 4 Kilometer verlaufen habe). Insgesamt sind auch mehr Höhenmeter als in Biel angefallen: der Bieler 100er hat 600 hm, der Karlsruher 80er hat 780 hm. Macht 6 hm/km in Biel, aber 9,75 hm/km in Karlsruhe, und damit ist Karlsruhe schon eine Ecke heftiger.

Klar, wegen der Magen-Darm-Geschichte ist's keine gute Zeit bei mir geworden, aber immerhin habe ich Erkenntnisse bzgl. der Einlagen gewonnen, und das freut mich überaus, denn es bedeutet, dass ich wieder Bahntraining machen kann. Und wenn man für diese Erkenntnis 80 km laufen muss, dann ist das halt so :-)

Samstag, 21. Juni 2008

Dieser Blog ist tot. Ich blogge weiter auf dem «Agile Trail».

[Biel < 9] Dreiviertel Biel 2008 - das zweite Mal


Auf einem 100er kann vieles nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat. Da können einige Probleme auf einen zukommen. Man hat auch genügend Zeit, über Lösungen nachzudenken. Mir war das dann irgendwann zu langweilig...

Zu Anfang, wie so oft, passte einfach alles: Das Wetter war kalt, nachts bis zu 5° C, aber trocken. Ich war gut erholt dank Urlaub in den Tagen vor Biel. Mein Vater begleitete mich als Coach und fuhr mit unserem Wohnmobil nach Kirchberg (nach der 2. Teilstrecke bei km 56) und nach Bibern (nach der 3. Teilstrecke bei km 76,6). Und ich war gut drauf, psychisch und physisch.

Dem Start um 22:00 h am Freitag, den 13. (!) 06.2008, folgte ein viel zu schneller Start auf den ersten drei Kilometern. Aber das kannte ich schon vom letzten Jahr, da war das genauso. Kein Grund zur Panik. Ab Kilometer 4 hatte ich mein Wohlfühl- und Wettkampftempo erreicht: knapp über 5'00 min/km.

Um 100km unter 9 Stunden zu laufen darf man im Schnitt nicht unter 5'24 min kommen. Biel hat allerdings auch 600 Höhenmeter, die es zu bewältigen gibt, und bergauf dauert's halt länger als im Flachen. Am Ende ist man auch immer etwas langsamer als zu Beginn. Daher ist es nicht unbedingt ratsam, genau den Schnitt zu laufen, wenn man seine Zielzeit einhalten möchte.

Knapp über 5'00 min/km fühlte sich von Anfang an sehr gut an. Ich konnte locker laufen, ruhig atmen, der Puls war unter 140, es ging mir gut. 10, 20, 30, 40 km, kein Anzeichen von Problemen. Dann kam der 44. Kilometer.

Einen 100er zu laufen ist ein so komplexes Unterfangen mit so vielen Variablen, die es zu berücksichtigen gilt, dass man sich unmöglich auf alles vorbereiten kann. Trifft man dann auf ein Problem unvorbereitet, dann denkt man etwa: "Huch, was ziept denn da so, was könnte das sein...?!" und dann denkt man darauf rum. Denken kostet Energie, und es lenkt vom Wettkampf ab. Das kann ganz nett sein, wenn man sich denn ablenken möchte. Bei Kilometer 44 dachte ich "Och nö, nicht schon wieder...!" Ich hatte Magenkrämpfe. Und dann dachte ich darauf rum.

Der Magenkrampf kam sowas von aus dem Nichts, dass ich innerhalb von ein paar hundert Metern nicht mehr weiterlaufen konnte. Bis Kilometer 46 bin ich gegangen, habe Atemübungen gemacht und die betroffene Stelle massiert. Nach zwei Gehkilometern war der Schmerz wieder soweit erträglich, dass ich ihn überlaufen konnte.

Bei Kilometer 44 hatte ich etwa 10 Minuten Vorsprung herausgelaufen, die dann durch das Gehen bis km 50 auf knapp 4 Minuten geschrumpft sind. Dennoch: Wäre das ein offizieller 50er gewesen, so hätte ich nun eine neue Persönliche Bestzeit von 4:26'07 h gehabt. Immerhin.

Bei einem Ultra muss man stetig essen und trinken, sonst kippt man irgendwann aus den Latschen, weil man keine Energie mehr hat. Das ist mir letztes Jahr in Biel passiert bei km 56. Das nennt sich dann Hungerast und ist sehr unangenehm.

Km 56 kam, eine große Verpflegungsstation in Kirchbach, und ich hatte keinen Hungerast. Soweit okay. Mein Vater war zur Stelle, und es tat sehr gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Noch etwas essen und trinken und dann sollte es weitergehen - wenn ich denn einen Bissen hätte schlucken können. Ich habe nichts mehr runterbekommen, der Magen hat einfach dicht gemacht. Mist.

Gleich nach Kirchberg geht's auf den Damm der Emme, dem berühmt-berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfad. Dort stolperte ich über Wurzeln, Steine und Schlaglöcher. Zum Glück war es trocken und nicht so glitschig wie im letzten Jahr. Aber jede übersehene Unebenheit - tiefste Nacht so um 3:00 Uhr rum - wurde mit einer magenbelastenden Erschütterung quittiert.

Bis etwa km 67 oder 68 habe ich dann noch durchgehalten, doch da ging dann gar nichts mehr. Ohne Nahrung hat der Motor keinen Treibstoff, und Krämpfe in den Oberschenkeln haben mir dann den Rest gegeben. Zweite Gehpause.

Doch leider wurde es diesmal nach zwei Kilometern nicht besser. Alle paar Kilometer habe ich einen neuen Anlaufversuch unternommen, aber mein Magen reagierte auf die sanfteste Laufbewegung mit Messerstichen und so ging ich denn immer weiter bis Bibern bei km 76,6, wo ich dann ausstieg.

Die Rechnung für den Ausstieg war recht einfach: Für die letzten 5 km habe ich 50 Minuten gebraucht, also 10 Minuten pro Kilometer. Hätte bis ins Ziel ab Bibern noch etwa 4,5 Stunden gemacht. Wie langweilig, so lange zu gehen. Aber das war nicht das Entscheidende: Ohne Nahrungsaufnahme wäre das einfach nicht mehr machbar gewesen.

Jetzt könnte man noch einwerfen: "Warum bist Du denn nicht in Bibern geblieben, hättest Dich auf einer Bahre hingelegt und dann nach ein oder zwei Stunden Pause den Rest der Strecke ausgeruht in Angriff genommen?" Das war auch meine Befürchtung nach dem Abbruch, doch die Gewissensbisse, vorschnell abgebrochen haben zu können, verflogen dann schnell. Bis zum Abend sind die Krämpfe noch geblieben, sogar am nächsten Tag hatte ich Magenschmerzen bei einem kleinen 5-km-Regenerationsläufchen. Da hätte eine Pause in Bibern nicht mehr viel gebracht. Aussteigen war hier eine gute Wahl.

In Bibern wartete mein Vater auf mich und wir fuhren dann erstmal zum Schlafen zurück nach Biel, später abends dann nach Hause. Rein orthopädisch ging's mir super: Kein Ischiasschmerz, kein Wadenbeißen, noch nicht einmal eine Blase am Fuß.

76,6 km, auch ein Ultra, wenn auch nicht die Königsdisziplin. Immerhin. Meine Zeit nach der dritten Teilstrecke in Bibern: 7:59'16 h. Immerhin. Muss mich mal umschauen, wo ich demnächst meine eingesparten Energiereserven (23,4 km bin ich mir ja noch schuldig) loswerden kann.

Dienstag, 10. Juni 2008

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[Biel < 9] Die letzten Tage

So, nun ist es bald geschafft. Nur noch ein paar Tage, dann geht's los.

Gestern und heute bin ich lockere 12 bzw. 10 km gelaufen. Für 10 km ist der innere Schweinehund erstaunlich groß geworden: "Lohnt ja kaum, die Laufklamotten anzuziehen, für so einen kurzen Lauf...!"

Anfang des Jahres habe ich Kollegen erzählt, dass ich bis Biel abnehmen wollte. Ich bin 180 cm groß und wog Anfang des Jahres 68 kg. Das sind laut Body-Mass-Index (BMI) 21 Punkte und damit lag ich im unteren Bereich des Normalgewichts. Optimal fühle ich mich bei 65 kg (BMI 20,1), was die untere Grenze des Normalgewichts markiert. Laut der Zeitschrift Runner's World (RW) gelten bei Läufern die Normalgewichtsgrenzen nicht. Begründung: Läufer verbrennen eh mehr Fett und haben einen insgesamt höheren Zell-Energieumsatz. Daher sei ein BMI von 18,5 bei Läufern ideal, will heißen: Der Läufer ist nicht untergewichtig, schleppt aber beim Laufen auch kein unnötiges Gewicht mit sich rum. Pro zusätzlichem Kilogramm könne das laut RW einige Sekunden auf der 10-km-Strecke betragen.

Bei einem BMI von 18,5 dürfte ich 60 kg wiegen - soviel hatte ich selbst nach einem anstrengenden Interrail-Urlaub nach einer Magen-Darm-Erkrankung nicht gewogen! 63 kg erschien mir Anfang des Jahres machbar. Tatsächlich wog ich noch Anfang letzter Woche 66 kg - jetzt, in der Tapering-Phase, ist's damit schon wieder vorbei, momentan bin ich bei 67 kg. Naja, vielleicht geht's im nächsten Jahr mit weniger Masse an den Start.

Morgen früh geht's nochmal zur Physiotherapie, ein letzter Check sozusagen und ein wenig muskuläre Entspannung. Ansonsten habe ich morgen einen Ruhetag.

Übermorgen ist schon Reisetag. Mein Vater, der mich coachen wird während des Laufs, reist morgens aus Ostfriesland nach Karlsruhe an, wo wir zusammen den Miet-Camper abholen werden. Danach fahren wir gegen Mittag oder frühen Nachmittag nach Biel. Das wird drei bis vier Stunden dauern, je nach dem, wie gut wir durchkommen.

In Biel werden wir natürlich als allererstes für Fernsehempfang sorgen, um das Deutschland-Kroatien-Spiel am Abend nicht zu verpassen. Die letzten Utensilien werden wir im Shop besorgen und im Eisstadion dann die Startnummer abholen. Nach dem ersten EM-Spiel an diesem Abend werde ich die letzten 8 km vor dem 100er laufen.

Am Freitag morgen werde ich verhältnismäßig früh aufstehen, damit ich von 16 bis 19 h nochmal "vorschlafen" kann. Ich weiß, ich weiß, vorschlafen kann man nicht, aber man kann jeglichen Schlafmangel zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgleichen, und das mache ich dann eben abends.

Es soll kalt werden nachts. Und regnen. Seit etwa zwei Wochen beobachte ich das Wetter in Biel via Wetterdienst, und von Prognosen über Sternklarheit und über 20° C nachts wurde es Tag um Tag schlechter. Momentan heißt es bei wetter.com für Biel: Tiefsttemperaturen am Samstag morgen von 2° C und eine Niederschlagswahrscheinlichkeit von 60%. Und das, wo ich mich gerade an die heißen Temperaturen gewöhnt habe. 2° C! Regen! Ich sehe Eiszapfen an den Streckenmarkierungen baumeln.

Immerhin habe ich ja dieses Jahr einen Coach: Mein Vater wird bei mindestens den letzten beiden großen Verpflegungsstationen vor Ort sein, also Kirchberg bei km 55 und Bibern bei km 76. Momentan plane ich, mit T-Shirt zu starten (Laibchen wäre zu kalt) und dann in Kirchberg oder Bibern ein Long-Sleve unters T-Shirt zu ziehen. Bei km 76 kann ich auch meine Stirnlampe loswerden. Prinzipiell werde ich aber von Sonnencreme bis Handschuhe auf alles gefasst sein.

Gegen 21:30 h werden wir uns aufmachen zum Start. Um 22 h erfolg der Startschuss. Ich freue mich riesig drauf und kann's kaum erwarten!

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[Biel < 9] KW 23: 100,9 km (100), 6286 kcal

Die letzte Trainingswoche vor dem entscheidenden Augenblick in Biel. Mit einem Trainingsumfang von nur noch 100 km laut Plan war die Woche relativ ruhig. Fünf Läufe zwischen 10 und 17 km in Geschwindigkeiten von 4'51 bis 5'04 min/km kamen so zusammen, allesamt sehr ruhig und größtenteils nach Einbruch der Nacht gelaufen. Am Donnerstag morgen, acht Tage vor dem 100er, bin ich noch die letzte lange Einheit gelaufen, einen 30er. Auch der war sehr locker - trotz Magenkrämpfe! Das war in etwa so schlimm wie beim Hamburg-Marathon, aber trotzdem konnte ich im Schnitt eine Geschwindigkeit von 5'20 min/km aufrecht erhalten. In Biel müssen's "nur" 5'24 min/km für unter 9 Stunden sein...

Mir geht's gut. Die ganze letzte Woche habe ich zwar nur wenig Schlaf bekommen und habe eine fünftägige intensive Schulung gegeben, trotzdem sind meine Batterien fühlbar aufgeladen worden. Das sind gute Voraussetzungen für Biel!

Nächste Woche wird gegessen, geschlafen und ausgeruht - iterativ und inkrementell :-). Ich habe Urlaub und mir nur kleine Arbeiten vorgenommen, wie etwa das Auto in die Werkstatt bringen oder soetwas. Das Training wird auf ein absolutes Minimum heruntergefahren: Montag 12 km, Dienstag 10 km, Mittwoch Ruhetag mit Physiotherapie und am Donnerstag die letzten 8 km, bevor's dann Freitag Nacht auf die Piste geht.

Montag, 9. Juni 2008

Dieser Blog ist tot. Ich blogge weiter auf dem «Agile Trail».

[Biel < 9] KW 22: 110,8 km (110), 6383 kcal (Leimersheim)

Dieser Post entstand eine Woche nach der 22. Kalenderwoche. In dieser Trainingswoche hatte ich keinerlei Ruhetag: 7 Einheiten, davon 2 x 10 km und 2 x 15 km in 4'52 bis 5'03 min/km, 2 x 20 km in 4'59 und 5'11 min/km und 1 x 20 km schnell.

Die Woche war etwas anstrengend, da ich viel mit Schulungen um die Ohren hatte, und Schulungen geben ist ungleich anstrengender als an Schulungen teilnehmen, da man sich praktisch keine Sekunde ausruhen kann. Daher kam ich auch am Donnerstag in die Bredouille und ließ eine Einheit ausfallen. Das wurmte mich dann doch arg, und so lief ich am Samstag die beiden 15er-Einheiten, eine morgens, die andere abends.

Die schnelle 20er-Einheit sollte ich laut Plan in 4'30-4'15 min/km laufen - warum dann nicht gleich einen Halbmarathon absolvieren? Gesagt, gelaufen. Kurzfristig entschlossen lief ich am Sonntag beim Leimersheimer Halbmarathon mit, knapp 30 Autominuten von Karlsruhe entfernt. Bei praller Sonne, keinem Schatten (immer am Deich lang!) und hohen Temperaturen waren nur sehr Wenige an den Start gegangen, und davon nur gut 70 ins Ziel gekommen.

Am Start vergaß ich, welche Zeit ich laufen sollte. War's 4'30 bis 4'45 min/km oder 4'30 bis 4'15 min/km? Ich stellte mich ganz hinten ins Starterfeld und ging den Lauf ganz langsam an, pendelte mich irgendwann um die 4'24 min/km ein und befand, dass das okay sein müsste. Und damit lief ich dann so 16 km, überholte einen hochroten Kopf nach dem anderen und stellte fest, dass es mir ausgezeichnet ging. Das war ein richtig lockerer Trainingslauf. Gegen Ende war ich mir dann irgendwie ziemlich sicher, dass ich 4'30 bis 4'15 min/km laufen müsse, und das bedeutete, dass ich noch etwas schneller werden durfte gegen Ende. Ab km 16 überholte ich dann noch fünf Weitere, die es zu schnell haben angehen lassen, und auf der Zielgeraden konnte ich mich trotzdem noch zurückhalten, nicht in Spurt zu verfallen und noch einen letzten Läufer zu überholen. Da war ich sehr zufrieden mit mir - und sehr überrascht, dass ich mit 1:30'34 h noch auf dem 12. Platz insgesamt und auf den 3. in der M30 kam!

Der Leimersheimer Lauf hat mir sehr gut gefallen. Die Organisation war schnell und gut, alles ging reibungslos. Die Strecke ist flach, durchgehend asphaltiert und bei Regen bestimmt bestzeitentauglich. Werde versuchen, nächstes Jahr wieder dabei zu sein. Einzig die Siegerehrung könnte besser moderiert werden, wobei die Kühle doch ganz angenehm war bei den Temperaturen - aber vielleicht lag die Anti-Euphorie auch wirklich nur am Wetter.

So, das war's. Es gibt keine harten Einheiten mehr vor Biel, lediglich ein weiterer 30er nächste Woche, aber der haut mich sicherlich nicht mehr um. Und damit ist die unmittelbare Wettkampfvorbereitung vorbei und es geht ins Tapering. Nächste Woche sind nur noch 100 km zu laufen, und dann ist es schon soweit, dann kommt der 100er.

Sonntag, 8. Juni 2008

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[Biel < 9] KW 21: 129,8 km (130), 7540 kcal

Dieser Post entstand zwei Wochen nach der Kalenderwoche 21. Das war sie nun also, die Woche mit den meisten Kilometern, laut Plan 130. Und gleich zu Beginn fühlte ich mich überhaupt nicht mehr zum Laufen, da die Waden wegen meines Sturzes immer noch schmerzten. Also fing die Woche statt mit 20 km Laufen mit Aquajoggen und Schwimmen an.

Aquajoggen ist zwar regenerativer Ausgleichssport zum Laufen, aber trotzdem alles andere als entspannend. Der Armeinsatz wird durch Wasser erschwert, die Rumpfmuskulatur wird stärker als beim Laufen gefordert, und die eingesetzten Muskelschleifen in den Beinen sind denen beim Laufen ähnlich, aber nicht gleich. Da ich im Laufe des Biel-Trainings immer weniger Aquajoggen gemacht habe, dafür immer mehr gelaufen bin, war ich jetzt ziemlich untrainiert, was den Wassereinsatz anging.

Ich wollte zuerst 15 km entsprechend Aquajoggen und dann noch 5 km entsprechend Schwimmen, merkte aber schnell, dass ich keine 15 km Aquajoggen durchhalten würde. Nach 7,5 km habe ich dann das Aquajoggen durch das Schwimmen unterbrochen und so dann doch noch meine entsprochenen 20 km voll bekommen.

Die restliche Woche war dann mit vier weiteren Einheiten zwischen 18 und 20 km vollgestopft, alle zwischen 4'45 und 5'00 min/km , wobei ein Ausreißer mit 4'36 min/km dabei war.

Am Sonntag war dann der Lange Lauf, 35 km, und der hat sich dann wirklich lange hingezogen. Mit 5'31 min/km war der dann auch knapp über der Grenze des Zumutbaren, mit allerdings fast 400 Höhenmetern auch nicht gerade flach.

Beim Langen Lauf probierte ich erstmals Kompressions-Sportsocken von CEP aus (die gibt's auch noch von Bauerfeind, aber die sind mir zum Ausprobieren doch zu teuer gewesen: EUR 100 statt EUR 40 für die CEPs). Als Matthias und ich auf der Messe vom Hamburg-Marathon rumliefen, riet er mir, dass ich mir diese Socken mal näher anschauen sollte. Das Funktionsprinzip: Durch umfassenden Druck auf die Wade werden die Blutkanäle erweitert und der Muskel besser durchblutet. Das bedeutet mehr Energie während des Laufens zur Verfügung zu haben und eine bessere Regenerationsfähigkeit nach dem Laufen. Hört sich erstmal gut an.

Angezogen fühlen sich die Socken ungewohnt, aber angenehm an. Der Druck ist erstaunlich hoch, aber nicht einschränkend. Während meines 35-km-Laufs hatte ich stets ein angenehmes Gefühl in den Unterschenkeln. Allerdings kann das natürlich auch alles ein Placeboeffekt sein, wie die aufgeklebten Beschleunigungsstreifen an Rennwagen, die dem Besitzer eher vorgaukeln, schneller damit zu sein, als dass sie tatsächlich den Wagen schneller machen würden. Egal, ich habe mich besser damit gefühlt, als mit normalen Socken, also probiere ich die vor Biel noch ein paar Mal aus und entscheide kurz vor Biel, ob ich die auch beim 100er einsetze.
Nächste Woche wird fast noch heftiger als diese, obwohl der Umfang wieder auf 110 km zurückgehen wird. Sechs mal 10 bis 20 km und einmal schnelle 20 km bedeuten keinen Ruhetag und eine lange Tempoeinheit. Aber bald hört das ja auch auf, denn es sind nur noch drei Wochen bis Biel!